Besuch eines besonderen Ortes
In regelmäßigen Abständen laden die Lesefüchse ihre Ehrenamtlichen zu einem Themenabend ein. Diesmal fand er in der Bibliothek der Vielfalt an der Fachoberschule für Gestaltung in München-Giesing statt. Die Bibliothek öffnete exklusiv ihre Tür, und 31 Interessierte folgten der Einladung der Organisatorin Elena Reumann. Durch die Bibliothek führte deren Leiterin Dr. Susi Nagele. Die Pädagogin und Künstlerin ist in der Rechtsabteilung des Münchner Bildungsreferats sowie in der städtischen Koordinierungsstelle LBGTIQ-Schule beschäftigt. Als Schülerin habe sie sich „zu laut, zu bunt, zu anders” gefühlt, blickte Nagele auf ihre eigene Schulzeit zurück. „Für mich als neurodivergente Person – quirlig, schnell denkend, kreativ – hatte das Schulleben nichts mit meiner Realität zu tun.”
Eröffnung vor einem Jahr
All diese Erfahrungen haben dazu beigetragen, dass die Pädagogin die Bibliothek der Vielfalt ins Leben gerufen hat. „Das ist mein Herzensprojekt, vielleicht sogar mein Lebenswerk.” Realisiert wurde die Idee in Rekordzeit. Nach nur einem halben Jahr Vorarbeit wurde die Präsenzbibliothek im Februar 2025 eröffnet. Renoviert und liebevoll künstlerisch gestaltet wurden die Räume gemeinsam mit engagierten Schüler*innen. Diese unterstützen ehrenamtlich beim laufenden Betrieb.
Aktuell ist die Bibliothek mit rund 1.500 Büchern unter anderem zu den Themen Vielfalt, Inklusion, geschlechtliche, religiöse und sexuelle Identität, Feminismus und Rassismus bestückt. Es gibt zwar auch Bücher für Kinder im Kindergartenalter, doch der Schwerpunkt liegt auf Sachbüchern und Literatur für Jugendliche und junge Erwachsene.

Foto: Carmen Deiseroth
Aufkleber “Banned Book” für verbotene Bücher
Für Bücher, die in anderen Ländern der Welt verboten sind, hat Nagele mit ihren ehrenamtlich Unterstützenden den Aufkleber „Banned Book” entwickelt. Er prangt nicht nur auf dem Tagebuch der Anne Frank, das in einigen US-Bundesstaaten verboten ist, sondern auch auf Büchern, die sich beispielsweise mit Coming-out-Themen befassen. Sie sind ebenfalls in den USA verboten. Nagele sagt: „Das ist hier ein lebendiger Ort der Kommunikation, der zum Dialog einlädt und keine Verbote ausspricht.”
Durch Bücherspenden wächst der Bestand stetig weiter. Nagele sieht die Bibliothek als Pilotprojekt und hofft auf viele Nachahmer*innen in der Münchner Schullandschaft. „In meiner Jugend hätte ich mir auch einen solchen Ort gewünscht“, sagte Lesefüchse-Beirätin Elena Reumann.
Zuschuss zur Einrichtung und Ausweitung der Bibliothek
Für die Einrichtung der Bibliothek gab es einen Zuschuss des Bildungsreferats. Neben den Mitteln der Stadt München haben Spenden der Patrick-Lindner-Stiftung, der Münchner Regenbogenstiftung und der Europäischen Union (Erasmus+) zum Gelingen des Projekts beigetragen. Für den Ankauf neuer Bücher wurde auch Preisgeld vom FAZ-Schulwettbewerb „Vielfalt kann mehr” eingesetzt, bei dem das Bibliothekskonzept mit dem dritten Preis ausgezeichnet wurde.
Vielfalt und Inklusion sind auch im Vorlese-Alltag der Lesefüchse zentrale Themen. Alle Münchner Grundschulen sind von kultureller Vielfalt geprägt, denn viele Kinder in den Lesegruppen haben Wurzeln in verschiedenen Ländern.

Foto: Carmen Deiseroth

Foto: Constanze Mauermayer
Im Anschluss Buchvorstellungen
Die Lesefüchse brachten eigene Bücher mit, in denen Vielfalt eine zentrale Rolle spielen, und stellten sie der Runde vor. Behinderung, Diskriminierung, Migration, Scham und die Nöte von Menschen im Alter – jedes einzelne der vorgestellten Bücher würde auch die Bibliothek der Vielfalt bereichern. Eine Liste der präsentierten Bücher finden Sie hier. (cm)